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17. SteinForum

Mehr Hitze, mehr Starkregen, mehr Nutzungsdruck: Städte und Gemeinden stehen vor der Aufgabe, öffentliche Räume klimaangepasst und zugleich lebenswert weiterzuentwickeln. Wie das gelingen kann, war Thema des 17. Steinforums der braun-steine GmbH in Neu-Ulm. Mehr als 200 Planer, Landschaftsarchitekten und Bauentscheider diskutierten dort über blau-grüne Infrastruktur, klimaresiliente Freiräume und die Frage, wie sich technische, gestalterische und gesellschaftliche Anforderungen künftig zusammenbringen lassen. 

Herbert Dreiseitl spricht zum Publikum beim SteinForum
Gruppenbild der Referenten beim Steinforum.
Sven Plöger hält einen Vortrag auf der Bühne.

Prof. Herbert Dreiseitl stellte in seinem Vortrag „Mehr als schön – warum klimagerechte Landschaftsarchitektur ökologisch und ästhetisch zugleich sein muss“ die Verbindung von Wassermanagement, Aufenthaltsqualität und Gestaltung in den Mittelpunkt. Angesichts zunehmender Hitzeperioden und Starkregenereignisse brauche es naturbasierte Lösungen, die Wasser nicht möglichst schnell ableiten, sondern in der Stadt halten und erlebbar machen. „Flächen müssen multifunktional sein und sowohl bei Trockenheit als auch bei Nässe funktionieren“, so der Landschaftsarchitekt und Inhaber von Dreiseitl Consulting in Überlingen. Gleichzeitig plädierte er dafür, den gestalterischen Anspruch nicht aus dem Blick zu verlieren: Schönheit sei lange unterschätzt worden, könne aber Verantwortung für die eigene Umgebung stärken. An internationalen Beispielen aus Portland, Singapur oder dem McLaren Technology Centre machte Dreiseitl deutlich, wie blau-grüne Infrastruktur technische Anforderungen mit Aufenthaltsqualität, Biodiversität und städtischem Klima verbinden kann.

Dass solche Lösungen nicht nur geplant, sondern auch vergaberechtlich sauber begründet werden müssen, zeigte anschließend Sabine Müller, Vorsitzende der Vergabekammer Südbayern. Unter dem Titel „Produktspezifische Vorgaben – Möglichkeiten, Grenzen und Stolperfallen im Vergaberecht“ erläuterte die Regierungsdirektorin praxisnah, wann Landschaftsarchitekten von der Pflicht zur produktneutralen Ausschreibung abweichen dürfen – und worauf sie dabei achten müssen. Zwei Ausnahmen sind möglich: die produktspezifische Ausschreibung und der Verweis auf ein Leitfabrikat. „Achten Sie darauf, welchen Pfad Sie einschlagen, denn beide Alternativen haben unterschiedliche gesetzliche Voraussetzungen und Vorgaben. Nehmen Sie sich dafür mindestens zwei Stunden Zeit – das spart fünf Monate für eine neue Ausschreibung“, sagte Müller. Die produktspezifische Ausschreibung muss nachvollziehbar dokumentiert werden. Besonders gute Chancen, dass sie genehmigt wird, hat man, wenn Umweltgesichtspunkte oder Soziales (technische Zwänge) ein bestimmtes Produkt notwendig machen. „Rechnen Sie dann bitte mit mindestens zwei Wochen, die Sie brauchen, um alles zu dokumentieren.“ 

Anschließend ging Müller auf das in Ausschreibungen häufig verwendete Leitfabrikat ein, gerne beschrieben als „Produkt XY oder gleichwertig“. Ein bloßer Produktverweis reiche nicht aus, betonte sie. Wer „oder gleichwertig“ ausschreibe, müsse auch klar definieren, welche Eigenschaften für die Gleichwertigkeit entscheidend seien – etwa technische, gestalterische oder funktionale Kriterien. Genau daran mangele es in der Praxis häufig.
Welchen Beitrag Belagsflächen zur klimafreundlichen Stadtgestaltung leisten können, zeigte Andreas Brunkhorst, Produktentwickler von braun-steine, unter dem Titel „Innovationen und Trends für die Freiraumgestaltung“. Ausgangspunkt waren KI-generierte Bilder deutscher Innenstädte: zunächst grau, leer und versiegelt, später moderner – aber weiterhin ohne Grün. Dem stellte Brunkhorst Gestaltungslösungen gegenüber, bei denen Vegetation direkt Teil des Belags wird. Unter dem Leitgedanken „Form follows context“ präsentierte er Pflastersysteme, die je nach Nutzung unterschiedlich stark durchgrünt werden können – von belastbaren Fahrspuren bis zu offen gestalteten Aufenthaltsflächen. Dabei verwies er auch auf die klimatische Wirkung begrünter Fugen: Während sich herkömmliche Pflasterflächen im Sommer stark aufheizen, können bewachsene Fugen die Oberflächentemperatur erheblich senken. Ursache dafür sind Verschattung und Verdunstungskälte durch die Pflanzen. Begrünte Fugen werden damit zu einer vergleichsweise einfachen Maßnahme gegen Hitzeinseln in Städten.

Den Blick auf die Stadt als sozialen und klimatischen Lebensraum weitete anschließend Stadtplanerin Prof. Dita Leyh. In ihrem Vortrag „Innenstadt im Wandel: Öffentliche Räume zukunftsfähig umbauen“ stellte sie die Frage in den Mittelpunkt, wie sich urbane Räume angesichts gesellschaftlicher und klimatischer Veränderungen neu denken lassen. Klassische Nutzungstrennungen zwischen Wohnen, Arbeiten, Verkehr und Freizeit würden zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Gleichzeitig verändern Megatrends wie Digitalisierung, Klimaanpassung und die wachsende Zahl von Ein- und Zwei-Personen-Haushalten die Anforderungen an öffentliche Räume. Leyh plädierte deshalb für multifunktionale, gemeinschaftlich nutzbare Stadträume und mehr „Shared Space“ als verbindendes Element im urbanen Alltag. An Beispielen aus Esslingen, Amsterdam, Paris oder Kopenhagen stellte sie dar, wie Straßen und Freiräume stärker als Aufenthalts-, Bewegungs- und Begegnungsräume verstanden werden können. Dabei gehe es nicht nur um Parks: „Die Straße ist das größte Potenzial für Biodiversität.“ Öffentliche Räume müssten künftig flexibler, grüner und zugleich stärker auf soziale Nutzung ausgerichtet werden.
Den übergeordneten klimatischen Rahmen setzte schließlich Sven Plöger mit einem Vortrag über Klimawandel, Transformation und gesellschaftliche Verantwortung. Bereits vor zehn Jahren hatte der Meteorologen beim Steinforum über das 1,5-Grad-Ziel gesprochen – inzwischen sei diese Marke erstmals in einzelnen Jahren überschritten worden. Für ihn dennoch kein Grund zur Resignation: „Physik ist keine Meinung. Sie kriegen die Physik nicht weg – das sind Fakten.“ Entscheidend sei nun, wie Gesellschaft und Politik mit diesen Fakten umgehen. 

Plöger machte deutlich, dass es beim Klimawandel längst nicht mehr nur um steigende Temperaturen gehe, sondern auch um Gesundheit, Stadtklima und Lebensqualität. Gleichzeitig kritisierte er die langsame Umsetzung vorhandenen Wissens: „Wir haben kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungsdefizit.“ Hoffnung leitete er aus historischen Transformationsprozessen ab – etwa dem Wechsel von Pferdekutschen zu Autos oder von Gaslicht zu Elektrizität. Auch die aktuelle Energiewende werde kommen, davon zeigte sich Plöger überzeugt: Solar- und Windenergie würden fossile Energieträger ersetzen, Effizienz künftig Verschwendung ablösen.

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