Steine brauchen Patina

Patina entsteht langsam. Sie macht den ganz besonderen Charakter von Pflasterflächen, Mauern etc. aus. Patina wird häufig als „gelebte Oberfläche" bezeichnet, die Zeit und Umwelt „wertig" sichtbar macht.

Die alten Römer waren Meister darin, der Farbvielfalt ihrer Bronzestatuen durch künstliche Alterungsprozesse nachzuhelfen. Das Phänomen Patina zieht sich durch alle Stilepochen. Und immer gab es Freunde und Feinde der Patina. Denn was die einen als Altersästhetik akzeptieren und als Schönheit erleben, bedeutet für die anderen Schmutz, Schaden und Verfall, der sofort gestoppt werden muss.

So geschieht es, dass im Frühjahr, lange bevor die ersten Rasenmäher durch die Gärten rattern, die Hochdruckreiniger Hochkonjunktur haben. Seit es bei jedem Discounter für jeden Haushalt erschwingliche Geräte gibt, wird um die Wette gereinigt. Keine Mauer, kein Pflaster, keine Treppe bleibt verschont. Moose, Algen und Flechten, die als Zeugen der Zeit über das Jahr heimlich gedeihen konnten, sind chancenlos gegen den scharfen Strahl. Schnell sind die Spuren des Alterns beseitigt. Alles glänzt wie neu. Jetzt darf die Sonne kommen.

 

Patina als Umweltindikator

Gemälde, Bronzestatuen, Münzen, Grafiken und auch Teppiche zeigen höchst vielfältige, individuelle Ausprägungen und Arten der Patina. Kupfer und Bronze ziert Grünspan, Gemälde ein Firnisschleier, Holz lebt durch Gebrauchsspuren und Eisen adelt der Edelrost. Die vielfältigsten Arten der Patina aber sind auf Steinen zu entdecken. Auf Steinen kann man die gesamte Palette von Einflüssen – organische, anorganische, atmosphärische, chemisch-physikalische – beobachten, die den Alterungsprozess begleiten. Steine, ob aus der Natur oder künstlich hergestellt, ob für Statuen oder für Mauern, Wege und Treppen verwendet, wechseln die Farbe, verändern ihre Oberflächen, werden dunkler oder heller und bilden Symbiosen mit Kleinstorganismen.

Algen, Flechten und Moose formen eine organische Patina. Sie gedeihen am besten in Schattenbereichen und lieben es feucht. Sie bringen echtes Leben in den Stein und sind Zeichen einer intakten Umwelt. Wo Moose, Algen und Flechten gedeihen, ist die Umwelt in Ordnung. In einer mit Abgasen und Schadstoffen belasteten Umgebung gedeihen sie nicht. Da sie auch keine Wurzeln bilden und nur an der Oberfläche haften, verursachen sie auch keine Schäden.

Die Natur als Designer

Die Betonsteinindustrie hat in den letzten Jahrzehnten mit großem Aufwand eine unendliche Vielfalt an Mauer- und Pflastersteinen für öffentliche wie private Räume entwickelt und zu kompletten Systemen erweitert. Neben stilistisch klaren, funktionellen Formen, Oberflächen und Farben sind Produkte entstanden, die Natursteine, altes Baumaterial und sogar andere Werkstoffe wie Holzbohlen perfekt imitieren. Dass bei vielen Produkten Anzeichen von Patina gleich mitgestaltet wurden, war nur ein logischer Schritt.

Wer mit diesem Material eine Mauer baut, einen Weg pflastert oder Brunnen mauert, kann beruhigt auf den Hochdruckreiniger verzichten. Denn wer sich auf das Spiel mit Zeit und Natur einlässt, wird reichlich belohnt. Die Steine werden über die Jahre kostenlos von der Natur gestaltet. Flechten und Moose bringen Mauern und Pflaster zum Blühen mit beeindruckenden Farben und Formen. Jeder bekommt über die Patina ein unverwechselbares Gesicht.

Steine brauchen Patina! Oder ist es eher umgekehrt? Steine tragen den Nimbus der Ewigkeit und Patina ist Zeuge ihres Alters. Eine klassische Symbiose in der sich Patina zum Stimmungsträger entwickelt und das Gefühl vermittelt, dass auch Steine leben. Nur eben sehr, sehr langsam.

 

Bernhard Hellmuth Freier
Journalist und Autor