Diesseits von Eden oder Zur Geschichte der Gartenkunst

Schon früh haben die Menschen begonnen, die Schönheit und die Früchte der Natur einzufangen, zu kultivieren und zu genießen. So entstanden die ersten Gärten.

Seit diesem Tag streben wir Menschen unermüdlich nach dem Garten Eden und versuchen etwas Paradies ähnliches zu schaffen.
Resultat: kein Paradies, dafür eine Vielzahl der unterschiedlichsten Gärten und Parks auf allen Kontinenten, ein jeder ein Spiegel seiner Zeit.

Die ersten überlieferten Dokumente von Gärten im christlichen Abendland sind Darstellungen und Pläne von Klostergärten des Mittelalters, meist verbunden mit  Apotheker- und Kräutergärten. Sie waren durch eine Mauer von der Umgebung abgeschlossen – der Hortus conclusus. Die klerikale Dominanz im gesamten gesellschaftlichen Leben erlaubte keine Feigenblätter und keine paradiesischen Gartenlüste.

Dies änderte sich im 15. und 16. Jahrhundert mit der Renaissance, die das Leben im Diesseits und die Kunst in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen zum Schwerpunkt machte. So auch die Gartenkunst, die in Italien ihr Zentrum hatte. Die wohl berühmtesten Renaissancegärten dürften die der Villa d'Este und der Villa Lante sein. Das Leben im Garten sollte ein unbeschwertes, locker und leichtes sein, der Besucher sollte über die neuen Pflanzenzüchtungen und die neuen Wassertechniken staunen und sich dem verloren gegangenen Paradies etwas näher fühlen. Das Repräsentationsbedürfnis verstärkte sich in der folgenden Epoche, dem Barock, allen voran in Frankreich mit Versailles. Für Deutschland sind die Gärten von Herrenhausen und Schwetzingen stellvertretend zu nennen. Die Gartenlust wurde in überschwänglichem Maße zelebriert und inszeniert, ein Fest jagte das andere, Sündenfälle, meist ohne Apfel und Schlange, standen auf der Tagesordnung. Die barocken Garten- und Parkanlagen stellten sich als grandioser Sieg des Menschen über die Natur dar – man hatte sich das Self-made-Paradies geschaffen.

Die Neuordnung der Gesellschaft durch den Niedergang des Absolutismus, die Zurückdrängung der Macht der Kirche und der Fortschritt der Naturwissenschaften, all dies führte zu einer Neuorientierung in der Gartenkunst ...und zu einer neuen Interpretation des Paradieses. Der in England schon länger praktizierte Parkstil, der Landschaftspark, wurde nun Vorbild für die Neuschöpfungen in Deutschland. Der Mensch sollte im Park und Garten die Schönheit der Natur an sich erleben, scheinbar unberührt, so wie im Paradies. Namhafte Schöpfer waren Fürst Franz von Anhalt-Dessau, Friedrich Ludwig von Sckell, Fürst Hermann Pückler-Muskau und Peter Joseph Lenné.

Deren Gartenkunst wird bis zur Jahrhundertwende zu einem historisierenden Stil, ohne neue Formensprache deformiert.

Die Moderne der zwanziger Jahre bringt den architektonischen Garten hervor, der wenig Platz für paradiesische Spielereien und Gartenlust hat, Funktionalismus ist angesagt. Er wird abgelöst von der ökologischen Bewegung, die das nachhaltige Wirtschaften mit den natürlichen Ressourcen zur Hauptaufgabe macht – der Naturgarten mit standortgerechter Vegetation tritt auf die Bühne. Auf der Strecke bleibt auch hier das Paradies und die Gartenlust, sprich die Gartenkunst. Die Gartenkunst fristet ein Dasein auf Gartenschauen, Gartenevents, temporären Installationen, der Hausgarten tendiert zur Katalogware aus Musterbüchern.

Mit Beginn des 21.Jahrhunderts zeigt sich ein grüner „Silberstreif" am Horizont. Es ist an der Zeit, die Gartenkunst wieder ins Gespräch zu bringen und in Wert zu setzen, ihr einen würdigen Platz in unserem gesellschaftlichen Leben zu verschaffen, die Gartenkunst zum Kulturgut zu machen. Denn: die Lust auf paradiesische Zustände ist ungebrochen groß.

 

Dipl.-Ing. Kathrin Rating, Landschaftsarchitektin